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Zwischen Maus und Sams

Neue Westfälische vom 09.03.2012: zwischen Maus und SamsLandschaftsverband Westfalen-Lippe untersucht Feste, Bräuche und Rituale rund ums Abitur.
Ein Trecker mit Anhänger, Birkenzweige, einige Kästen Bier, ein paar handgemalte Plakate, fertig. Hemdsärmelig wurde 1981 das Abitur gefeiert. Heute dominieren die Manschettenknöpfe. Die Reifeprüfung wird festlich in Anzug und Ballkleid zelebriert. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe hat landesweit Feste und Bräuche rund ums Abitur untersucht und ein Buch zum Thema herausgebracht.
Es hat etwas von Karneval, was sich in dieser Woche an den Gymnasien abspielt. "Mottowoche" nennt es Christiane Cantauw, Herausgeberin des Buches "Mit Wasserpistole und Ballkleid: Feste, Bräuche und Rituale rund ums Abitur". Seit einigen Jahren ist es Tradition, dass sich die Abiturienten in der letzten Schulwoche verkleiden. Jeden Tag nach einem anderen Motto. "Idole meiner Kindheit" ist ein beliebtes Thema. In den Schulbänken fläzen sich Mickey Mouse, der Rosarote Panther und Biene Maja.
Christiane Cantauw und vier weitere Autoren haben fünf Schulen, darunter das Freiherr-vom-Stein-Gymnasium in Bünde, ein Jahr lang begleitet, ehemalige Abiturienten befragt, Vorbereitungen und Feste beobachtet. "Wir haben uns immer wieder gefragt, wie die Schüler das nur schaffen", sagt Christiane Cantauw. Denn das Abitur ist inzwischen nicht nur von Lernstoff her eine echte Herausforderung. "Die Abiturienten stehen unter einem enormen Druck, ein perfektes Fest zu organisieren und dabei möglichst den vorangegangenen Jahrgang zu überbieten", sagt die Geschäftsführerin der volkskundlichen Kommission. Mit der Leistungsspirale wachsen auch die Kosten in die Höhe. Zwischen 25.000 und 30.000 Euro muss nach Schätzungen von Ole Möhlenkamp, Veranstaltungsprofi aus Bielefeld, heute ein Abiturjahrgang für die Feiern rund um den Schulabschluss aufbringen - einige liegen sogar deutlich darüber.
Kein Wunder, dass Eventagenturen den Markt der Abiturfeiern für sich entdeckt haben und Dienstleistungen anbieten, die von einfacher Beratung über Planung des Abschlussballs bis zum Rundum-sorglos-Paket reichen. Wer alles lieber selbst erledigt, muss frühzeitig starten. Bereits in der 12. Klasse werden Organisationskomitees gebildet, Daueraufträge eingerichtet, um das Geld für die große Sause einzusammeln, und grundlegende Arbeiten verteilt: Die Erstellung der Abizeitung, die Organisation von Vorabifeten, die vor allem dem Zweck dienen, weiteres Geld in die Partykasse zu spülen, und die Planung des Abschlussballs gehören dazu.
Selbstverständlich muss ein Motto gefunden werden. "Ohne Motto läuft nichts", weiß Christiane Cantauw. "Habiwaii, reif für die Insel"; "Abicatraz, endlich frei" oder "Abicalypse, das Ende naht" steht später auf Motto-Shirts und Plakaten. Der letzte offizielle Schultag, der sogenannte Tag X, ist die Stunde des Klamauks, in der seit den 70er Jahren Abiturienten ihre Schule verbarrikadieren und Späße mit Lehrern treiben. Auch hier gilt: je aufwendiger, desto besser. Von mit Wasserpistolen schießenden Pädagogen auf Bobbycars reicht die Palette bis zu Casting-Wettbewerben, bei denen Lehrer über den Laufsteg geschickt werden.
Während die Feiern in den 70er Jahren oft zu harscher Kritik an Schulen und Lehrern genutzt wurden, geht es heute friedlicher zu. Statt sich mit provokanten Aktionen abzugrenzen, will die heutige Abi-Generation ihren Schulabschluss feiern und gibt sich friedlich. "Gegen wen sollen sie auch aufbegehren? Die konservativen Eltern von gestern wählen heute vielleicht die Piraten", sieht Christiane Cantauw den Grund in der kleiner gewordenen Kluft zwischen den Generationen.
Höhepunkt der Feierlichkeiten ist stets der Abiball, ein rauschendes Fest voller Glimmer, Glanz und prächtiger Garderobe. "Manche Abiturientin trägt zur Zeugnisübergabe ein anderes Festkleid als am Abend beim Ball. Und zwischendurch geht es zur Maniküre und zum Friseur. Ich kann mir nicht vorstellen, dass bei der eigenen Hochzeit ein größerer Aufwand betrieben wird", so Christiane Cantauw. Was für ein Unterschied zu den 70er Jahren, als ganze Abiturjahrgänge sich aus Protest die Zeugnisse zuschicken ließen, weil von der Schule bei der Übergabe festliche Kleider gefordert wurden.
Besonders gespannt ist Christiane Cantauw auf das kommende Jahr, wenn erstmals ein doppelter Abiturjahrgang seinen Abschluss feiert. Eine plötzliche Änderung der Bräuche erwartet sie nicht. Und so werden doppelt so viele Mäuse, Superhelden und Enten die Schulbank drücken. Im Juni dürften dann die Friseurtermine zur Mangelware werden. 

Artikel: NEUE WESTFÄLISCHE (www.nw-news.de)